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Die kastrierte Kettenhotellerie ist der Untergang der guten Hotellerie

Kurt Steindl 0

Ein provokanter Titel, ich weiß. Aber das Thema ist so dringend, dass es mir angemessen erscheint.

Kettenhotels und leider auch oft Stadthotels haben aufgehört sexy zu sein. Sie machen eher den Eindruck eines kastrierten Daseins. Wo früher Inspiration und Leidenschaft zu spüren war, regieren heute Gleichgültigkeit und Geschäftstüchtigkeit. Der Gast wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen, sondern eher als wandelnder Euroschein, als Umsatzbringer, aus dem es das Maximale an Umsatz herauszupressen gilt. Natürlich gibt es auch positive Ausnahmen, leider überwiegen aber die negativen Beispiele deutlich.

Da schalten Sie den Fernseher am Zimmer ein und als erstes sehen Sie die Angebote der hauseigenen Videothek. Pikanterweise ist dann auch noch angeführt, dass Pornofilme nicht als solche auf der Rechnung aufscheinen werden, sondern diskret umbenannt werden. (Na dann …) Mitunter benötigt man da schon ein halbes Technikstudium, um aus dem Tastenlabyrinth heraus zu finden und zum regulären Fernsehprogramm zu kommen. Gibt es wirklich noch Gäste, denen das nicht bitter aufstößt, wenn man so plump versucht, noch zusätzlichen Umsatz aus dem Gast herauszupressen?

Oder die Minibar. Wundern Sie sich auch, warum diese Preise astronomische Stellenwerte haben? Warum eine simple Flasche Wasser plötzlich mehr als 5 Euro kostet?

Ich hatte beruflich in Erfurt zu tun und war in einem Vier-Sterne-Kettenhotel untergebracht. (Nein, ich habe es nicht selbst gebucht, sondern der Veranstalter hat dies für mich erledigt.) Die Anreise war lang und der Verkehr zäh. Müde kam ich erst gegen Mitternacht an und freute mich aufs Bett. Natürlich müssen erst die Formalitäten an der Rezeption erledigt werden. Das ist ja so vorgesehen, dass der Gast erst seinen Verpflichtungen nachkommen muss, bevor man ihm den Zimmerschlüssel aushändigt. Ein kurzer Fingerzeig in Richtung Fahrstuhl und keine Anstalten mit dem Gepäck zu helfen. Also machte ich mich mit meinem Zeugs auf den Weg zum Zimmer. Als ich  schließlich die Türe hinter mich gebracht hatte, stellte ich ab und sah mich um. Da ein Lichtblick! Eine Flasche Mineralwasser wartete auf den durstigen Gast. Freudig schraubte ich den Verschluss auf, goss ins Glas, trank und … traute meinen Augen nicht. Da hing doch tatsächlich ein kleines Schild am Flaschenhals. „Herzlich Willkommen“ war da zu lesen und darunter handschriftlich 5, 50 Euro. Na dann Prost! Natürlich war mir das einen Eintrag auf Facebook wert. Schließlich soll die Welt wissen, wie nötig man hier den Umsatz braucht.

Der Gast wird in solchen Etablissements – von Hotel will ich hier nicht sprechen, weil die Eindeutigkeit der Animierung in Richtung eines anderen Gewerbes zeigt – als reine Funktion gesehen. Die Menschlichkeit wird ihm aberkannt. Es regiert der schnöde Mammon. Dabei sagte schon Immanuel Kant: „Der Mensch darf niemals einem Zwecke untergeordnet werden, sonst verliert er seine Würde!“ Und genau das passiert hier. Der Mensch wird lediglich an seinem Umsatz gemessen und die menschliche Würde mit Füßen getreten. Die Chefetagen dieser Häuser vergessen darauf, dass der Gast in erster Linie Mensch ist und als solcher mit Anstand, Respekt und Wertschätzung behandelt werden will.

About Kurt Steindl

Kurt Steindl ist professioneller Vortragsredner und Hoteltester. Seine Sicht der Dinge stellt er in diesem Blog vor.

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