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New York ohne Hotel

AirBnB - ein Selbstversuch von Kurt Steindl

Ich komme am JFK an und wie ein echter New Yorker nehme ich natürlich die Subway. Zum ersten Mal habe ich AirBnB gebucht. Also kein Hotel, sondern ein privates Appartement wird meine Bleibe sein. Nicht in Manhattan, sondern in Brooklyn, Wilhelmsburg, dem aufstrebendsten Stadtteil. Raus aus der Subway, ein paar Minuten Fußweg und ich stehe vor der angegebenen Adresse. Ich läute. Keine Antwort. Etwas ratlos schaue ich umher. Ein Hipster (Glatze mit Hut und dichter Vollbart, etwa 35 Jahre) spricht mich an: „Are you lost?“ Naja, ein bisschen schon, denke ich und beginne ein Gespräch. Ich zeige ihm die Telefonnummer und erkläre, dass ich mit meiner Simkarte (eigens für Amerika gekauft) noch nicht telefonieren kann. Deshalb kann ich auch meine Vermieter nicht anrufen. Flugs schnappt er sein eigenes Mobile Phone, wählt die Nummer und gibt mir dann das Gerät. Die Vermieterin meldet sich und ich vereinbare einen Zeitpunkt für die Schlüsselübergabe. Michael, so heißt der Hipster, zeigt mir ein kleines Café und ich setze mich rein und warte. Nach etwas mehr als einer Stunde geht die Türe auf und Michael zeigt in Begleitung eines Afroamerikaners auf mich. Nigel gibt mir den Schlüssel und ich beziehe mein Appartement.

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Die Bilder an den Wänden sind nun wirklich nicht jedermanns Geschmack. Scheint ein etwas depressiver Künstler zu sein, der sonst hier wohnt. Die Einrichtung ist etwas strange aber es ist sauber. Die Küche blitzblank. Viel wurde hier offenbar noch nicht gekocht. Aber das ist in New York ja auch eher selten. Das Bad klein aber angemessen. Die Lage des Appartements ist erstklassig. Vier Minuten von der nächsten Subway Station entfernt und von dort nur eine einzige Haltestelle von Manhattan entfernt. Zentrale Lage in Wilhelmsburg, Brooklyn.

Michael ist Friseur und hat seinen Laden gleich nebenan. Ganz gemütlich sitzt er auf einer Bank und trinkt ein Club Soda. Mit einer Handbewegung lädt er mich ein und drückt mir auch ein Wasser in die Hand. Da sitzen wir nun. Der alte Mann aus old Europe und der junge Mann aus Brooklyn. Wir quatschen über unser Herkunft, über unseren Beruf und unseren Alltag. Michael war Berufssoldat und ist froh nicht mehr dabei zu sein. Sein Leben selbst zu gestalten, gefällt ihm deutlich besser. Seinen Laden hat er täglich geöffnet. Auch Sonntags. Ab Mittags, solange wie er Kunden hat. Manchmal wird es Mitternacht. Aber das ist in Ordnung, erzählt er mir mit breitem Grinsen. Kein Vorgesetzter brüllt ihn an und sinnlose Befehlsausübung ist Vergangenheit. Außerdem gefällt ihm sein jetziger Beruf. Da kann er kreativ sein und hat viel mit netten Menschen zu tun. Ich tue mir zwar etwas schwer seinen Brooklyn Akzent immer genau zu verstehen aber es wird von Minute zu Minute besser. Als ich aufstehe, verabschieden wir uns wie es eben Bros tun. Handschlag und kurze Berührung mit den Schultern.

Besser hätte der Start nicht laufen können. Fast jeden Abend wenn ich von meinen Aufträgen und Streifzügen zurückkomme, sitzt da ein zufriedener Michael und begrüßt mich wie einen Bruder. Wir quatschen kurz und müde falle ich danach ins Bett. Michael gibt mir das Gefühl, nicht Tourist, sondern Einheimischer zu sein. Er versorgt mich Insiderinformationen über Bars, Restaurants und guten Einkaufsmöglichkeiten, warnt mich vor dubiosen Geschäften und gibt mir Tipps für gute Bilder. Natürlich habe ich auch gleich einen Termin bei Michael gebucht. Meine Haare sind sowieso zu lang.

Michael erzählte mir, dass die Stadt sich seit 9-11 verändert hat. Man geht mehr aufeinander zu und unterstützt sich. Die Kriminalität ist deutlich gesunken und New York zählt heute zu den sichersten Städten der Welt. All das kann ich aus eigener Erfahrung unterschreiben. Letzten Dezember war ich in Moskau und hatte Angst. Hier nicht. Das Wort Freiheit ist spürbar, wenn ich durch die Straßenschluchten schlendere. Natürlich habe ich Michaels Telefonnummer. Die hat er mir gegeben, für den Fall, dass ich Hilfe brauche. Die hüte ich wie einen Schatz. Der Haarschnitt, den er mir verpasste, ist wohl der Coolste und Beste, den ich je hatte. New York ist für mich jetzt eine neue Dimension reicher. Erst Zuhause ist mir aufgefallen, dass ich kein Bild von ihm gemacht habe. Brauche ich auch nicht. Sein Gesicht ist fest abgespeichert.

Service heißt mehr als Notwendige tun. Positiv zu überraschen und zu verblüffen. Einen extra Schritt tun. Eine Zugabe spielen. Michael, du spielst da ganz vorne mit. Vielen Dank. Ohne AirBnB hätte ich diese Erfahrung nicht gemacht. Also ein großes Plus an die Plattform.

 

Als der Aufenthalt zu Ende geht packe ich meine Sachen, räume auf und kehre sogar den Boden. „What’s about the garbage?“, frage ich dann Nigel, der den Schlüssel abholen kommt. „It’s okay, I’ll make it.“, erklärt er mir und verabschiedet mich freundlich. Ach ja, ich solle noch einen Kommentar auf der Website von AirBnB abgeben. Er werde das auch tun, klärt er mich auf. Na dann. Auf dem Weg zum Flughafen schreibe ich mein Fazit: „Saubere Wohnung, freundlicher Vermieter, ausgezeichnete Lage. Ich komme wieder.“ Sein Kommentar: „Kurt was very observant of the house rules and he returned the keys, I would recommend Kurt as a guest.“ Na also. Ich werde also weiterempfohlen.

Werde ich AirBnB nochmals probieren? Auf jeden Fall. Die Ungezwungenheit hat mir sehr gefallen. Ich brauchte mich um keine Frühstückszeiten oder ähnliches kümmern und konnte mich frei bewegen. Zum halben Preis eines vergleichbaren Hotels, wohlgemerkt. Die Stadthotellerie wird mit dieser Konkurrenz noch ernsthafte Probleme bekommen.